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Jul
14
2010
Paul und seine intelligenten Artgenossen
PresseNews
Geschrieben von: Petra   

Krake Paul, ein Octopus vulgaris, verblüffte während der Fussball-WM die Fans in aller Welt. Mit seinen Tipps weckte er auch das Interesse an seinen Artgenossen, die voller Überraschungen sind. krakeLange galt der Tintenfisch als Tier, das vom Instinkt gesteuert wird, wie ein Roboter handelt und weder über Bewusstsein noch Intelligenz verfügt.

Doch die Weichtiere mit mehrteiligem Herzen und neun Gehirnen sind schlauer, als man denkt: Sie nutzen Werkzeuge, basteln sich einen Unterschlupf, schrauben problemlos Gläser auf und sind offenbar in der Lage, aus Beobachtung anderer Individuen zu lernen. Und auch beim Spielen hat man die neugierigen Kraken schon entdeckt. Neurowissenschaftler an der Universität Jerusalem attestieren den Tieren bereits vor Jahren eine erstaunliche Intelligenz. Vor allem die für die Erinnerung und die Lernfähigkeit verantwortlichen Gehirnregionen des Oktopus seien mit denen von Wirbeltieren völlig vergleichbar. Tintenfische seien zu komplexen Denkleistungen fähig, hätten ein Kurz- und Langzeitgedächtnis, unterschiedliche Persönlichkeiten und ein ausgeprägtes Schmerzempfinden. Alles Merkmale, die bisher nur Wirbeltieren zugeschrieben wurden. Ihren Unterschlupf halten sie penibel in Ordnung, räumen auch schon mal um und entsorgen den Abfall. Volker Christian Miske, Diplombiologe am Zoologischen Institut und Museum der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, will unterschiedliche Persönlichkeitstypen festgestellt haben. Von phlegmatisch bis ängstlich oder verspielt sei alles dabei.

 

Kokosnuss gesichert

Australische Biologen haben im vergangenen Jahr im Meer vor Indonesien Tintenfische beobachtet, die dort weggeworfene Kokosnussschalen sammeln und sich daraus Schutzhütten bauten. Damit beweist der Oktopus eine Leistung, die lange als Privileg der Menschen und Affen galt: Er sammelt ein Werkzeug, das nicht direkt, sondern erst in der Zukunft einmal von Nutzen sein könnte – ein Kriterium für Intelligenz. Die Kokosnussschalen sind auch eine schwere Last für den Ader-Oktopus, berichten Julian Finn vom Museum von Victoria in Melbourne und seine Kollegen. Um sie von der Stelle zu bekommen, setzt sich das Tier in die oberste Schale, lässt seine acht Arme seitlich herunter, versteift sie und geht schliesslich unbeholfen wie auf Stelzen. Dabei ist der Tintenfisch nicht nur langsamer als gewöhnlich, sondern auch schutzlos und offen sichtbar. Bei Gefahr kann das Tier die Schalen schnell zusammensetzen und sich in der hohlen Kugel verstecken.

Eva reagiert auf Spiegelbild

Wenn es um ihr Grundbedürfnis Nahrungsbeschaffung geht, blühen Tintenfische auf, wie ein Experiment der TV-Sendung «Planetopia» zeigt. Forscher servieren einem Tintenfisch ein verschraubtes Glas mit Crevetten. Der Deckel ist mit kleinen Löchern versehen. Das Tier untersucht in aller Ruhe das Objekt greift mit einem Arm, an dem sich auch Geschmackssinneszellen befinden, ins Glas. Danach schraubt es den Deckel auf. In einem weiteren Versuch wird ein Gefäss ohne Futter ins Becken gereicht. Schnell stellt der Krake fest, dass es sich nicht lohnt, den Deckel zu öffnen.

Einige Aufmerksamkeit erregt in Deutschland aber auch Eva. Die Krakendame im Vivarium in Karlsruhe scheint mit den Besuchern zu kommunizieren – sie werden beobachtet, das Tier reagiert auf Berührungen der Scheibe und ahmt Fingerbewegungen nach. Die Sendung «W wie Wissen» der ARD hat die Zoobewohnerin einem Intelligenztest unterzogen und beispielsweise geprüft, wie sie auf ein Spiegelbild reagiert. Da Kraken ein ausgeprägtes Revierverhalten haben, müsste das Tier aggressiv reagieren. Aber es passiert nichts. Eva mustert nur das eigene Spiegelbild und verliert schnell das Interesse. Ob es tatsächlich daran liegt, dass sie sich erkannt hat, kann der Test aber nicht hundertprozentig beweisen. Doch Eva scheint offenbar realisiert zu haben, dass da kein Konkurrent lauert. Auch den Schraubverschlusstest besteht sie: Die Wissenschaftler lehrten sie, wie das geht – und Wochen später hat sie das Gelernte noch präsent und dreht den Deckel sofort in die richtige Richtung.

Basler Star

Übrigens: Auch die Schweiz hat mindestens einen schlauen Tintenfisch: Er wurde im vergangenen Jahr im Basler Zoo vorgestellt. Mittlerweile lebt dort aber ein anderes Exemplar aus Südfrankreich. Einen Namen hat das Tier nicht. Wie seine anderen Artgenossen im Zoo stellt es Ansprüche an die Wasserqualität. «Der Platz ist nicht so entscheidend, weil die Tiere auch in freier Umgebung meist auf engen Flächen leben», sagt Thomas Jermann, Kurator im Basler Zoo. Der Tintenfisch lege viel Wert auf seine Behausung, baue sie immer wieder um. Mit täglichen Aufgaben, wie dem Aufschrauben von Konfitürengläsern, fördere man die Intelligenz des faszinierenden Zoobewohners. «Kraken sind sehr geschickt und können Aufgaben lösen, die die allermeisten Säugetiere nicht bewältigen können», so Jermann.

Und sollte es dem Basler Tintenfisch einmal langweilig werden, sei er an das Kraken-Weibchen in Kalifornien erinnert, welches ein Ventil aufschraubte und Teile des Zoos mit mehreren hunderten Litern Salzwasser überschwemmte.

(ah)

Quelle: BernerZeitung BZ